„Chefs sind immer kalt und knauserig!“

… denkt der Mitarbeiter.

„Mitarbeiter sind immer faul und fordernd“ – denkt der Chef.

Auf unseren Bestseller „Das Frustjobkillerbuch – Warum es egal ist, für wen Sie arbeiten“ haben wir bergeweise Zuschriften bekommen. Viele Menschen haben uns ihre ganz persönlichen Probleme im Job-All-Tag geschildert: viele Mitarbeiter und auch viele Chefs, die ja in der Regel selbst Mitarbeiter sind und ihrerseits wieder einen Chef über sich haben. Ein Leit-Thema zog sich als Leid-Thema wie ein roter Faden durch alle Briefe und E-Mails: Wie Mitarbeiter mit ihren Chefs nicht klarkommen – und umgekehrt.

  • „Alles wäre gut, wenn mich nur mein Chef nicht so ungerecht behandeln würde“, lässt sich die Klage der Mitarbeiter auf den Punkt bringen.
  • „Alles wäre gut, wenn nur meine Mitarbeiter nicht so unrealistische Erwartungen an ihren Job und an mich hätten“, jammerten derweil die Chefs.

Beide fügten hinzu: „Schreiben Sie denen das ruhig mal in Ihrem nächsten Buch!“
Und so entwickelte sich durch Ihre Zuschriften an uns indirekt ein Dialog zwischen Mitarbeiter und Chef, ein Dialog, der in der wirklichen Arbeitswelt leider kaum stattfindet. Mitarbeiter und Chef betrachten sich nur all zu oft als Gegenspieler und größtes Hindernis. Das Thema „die da oben, wir hier unten“ kocht immer heftiger hoch; beide Seiten verstehen inzwischen die (fremde) Welt nicht mehr. Bücher gibt es entweder für die eine Seite: Wie mache ich möglichst schnell Karriere, entlocke meinem Chef mit möglichst wenig Arbeit möglichst viel Geld und Freiraum? Oder für die andere Seite: Wie motiviere ich die träge Schar und halte den Kostenfaktor Arbeit niedrig?
Wir finden das schade und meinen: Miteinander statt gegeneinander können wir ein gutes Stück zufriedener werden im Arbeitsleben. Wir möchten daher in diesem Buch den Dialog zwischen Chef und Mitarbeiter fortführen, den Sie selbst, liebe Leserinnen und Leser, liebe Mitarbeiter und Chefs, durch Ihre Zuschriften an uns ins Leben gerufen haben. Wir möchten Ihnen – seien Sie Mitarbeiter, Chef oder, wie so oft: beides – ein ausgewogenes, konstruktives Buch für ein menschliches Miteinander an die Hand geben. Spielregeln für ein faires Arbeitsleben, von dem beide Seiten nachhaltig profitieren.
Vor allem für Sie, liebe Mitarbeiter, haben wir dieses Buch geschrieben. Das bedeutet aber nicht, dass alle Last allein auf Ihren Schultern liegt und Ihr Chef sich entspannt zurücklehnen kann – in dem guten Gewissen, dass Sie schon selbst für ein besseres Miteinander am Arbeitsplatz sorgen werden. Aber wir versprechen Ihnen: zu erkennen, dass Ihr Chef vielleicht kein böswilliger Tyrann ist, sondern auch nur ein Mensch, wird Ihren Arbeitsalltag sehr viel erträglicher machen.
Und, liebe Chefs, auch Sie finden hier viele Anregungen für einen gerechteren und verständnisvolleren Umgang mit Ihren Mitarbeitern. Unsere zehn Gebote gelten auch für Sie!

Auf der Suche nach Gerechtigkeit

Sie beide vermissen am Arbeitsplatz ganz schmerzlich die Gerechtigkeit – deshalb tun wir alle gut daran, das Arbeitsleben etwas gerechter zu machen.
Das mag Ihnen romantisch-verklärt vorkommen in einer Zeit, in der der Wind rauer weht, in der Menschen zu Einzelkämpfern geworden sind und jeder sehen muss, wo er bleibt. Es mag Ihnen abstrakt-weltretterisch vorkommen, schon tausendmal gehört. Es mag Ihnen abgenudelt vorkommen vor dem politischen Rauschen, in dem jeder sein Gerechtigkeitsmodell anpreist, das sich beim näheren Hinsehen dann aber auch nur als Beta-Version mit gravierenden Fehlern entpuppt. Doch uns geht es nicht um Steuermodelle, nicht um Vermögensumverteilung und nicht um Kündigungsschutzgesetze. Uns geht es nicht um Weltrettung, nicht darum, die „Welt an sich“ gerechter zu machen.
Dieses Buch hat ein rein egoistisches Anliegen für Sie, liebe Leserinnen und Leser: Ihren eigenen Arbeitsalltag etwas befriedigender zu machen. Für Sie, für uns selbst, damit uns Wut und Ärger nicht auffressen.
„Was kann ich als Einzelner schon tun?“, hören wir Sie nun fragen. „Ich kann die Dinge auch nicht ändern.“ Das stimmt in vielen Bereichen, denn das Leben ist tatsächlich ungerecht. Wir Menschen sind keine Maschinen, keine Rechner, die Fakten aufnehmen und dann durch eine Gerechtigkeitsformel stets zum richtigen Ergebnis kommen. Das menschliche Gehirn funktioniert anders. Wo Menschen am Werk sind, wird es niemals völlig gerecht zugehen. Was wir Menschen denken, entscheiden und tun, wird immer beeinflusst sein von persönlichen Sympathien, Informationsdefiziten, sachfremden Erwägungen, von Launen. Die Suche nach der perfekt-gerechten Welt ist Illusion und Zeitverschwendung zugleich. Das ist eine wichtige Einsicht, um die wir nicht herum kommen.
Das heißt aber nicht, dass wir nichts tun könnten. Wir können sogar sehr viel daran ändern, dass Brötchen-Geber und Brötchen-Nehmer zielsicher aneinander vorbei denken, aneinander vorbei erwarten, aneinander vorbei schimpfen. Und sich ein Leben lang aneinander vorbei ärgern. Unser Ansatz besteht darin, Ihnen durch den Dialog zwischen Chef und Mitarbeiter wichtige Einsichten in die Bedürfnisse und Gefühle des jeweils anderen zu vermitteln.
Sie und Ihr Chef werden auch in Zukunft aufeinander angewiesen sein und einen Großteil Ihres Tages, ja sogar Ihres Lebens miteinander verbringen. Wenn Sie sich nicht immer weiter voneinander entfernen und damit immer unzufriedener miteinander werden wollen, ist es höchste Zeit, einen Blick aus der Position des jeweils anderen zu wagen.
Das heißt nicht, dass Sie am Ende die Sicht Ihres Chefs gutheißen müssen – und Ihr Chef Ihren Standpunkt übernehmen muss. Wenn wir aber überhaupt einmal die Sicht der anderen Seite zur Kenntnis nehmen, ihre Hintergründe verstehen lernen – dann ist das ein unverzichtbarer Schritt für ein gedeihliches Miteinander, für ein zufriedeneres Miteinander. Für das einzig mögliche Miteinander, das der Arbeitswelt überhaupt eine Zukunft geben kann. Ein solches Verständnis, Interesse füreinander, ja überhaupt der Gedanke daran, dass die jeweils „andere Seite“ mit dem, was sie tut, irgendein legitimes Interesse verfolgen könnte – das ist uns heute weitgehend abhanden gekommen.

Der psychologische Arbeitsvertrag

Wir untersuchen damit in diesem Buch gleichzeitig die Interessenlage im Arbeitsverhältnis des 21. Jahrhunderts: die Erwartungen, die Sie und Ihr Chef aneinander haben. Wir vollziehen nach, woher diese Erwartungen kommen, sortieren die unberechtigten aus und schauen, wie sich aus den berechtigten eine Win-Win-Situation machen lässt – so dass aus dem Hauen und Stechen ein Geben und Nehmen werden kann.
Wir benennen für beide Seiten die Rechte und Pflichten, die nicht im Arbeitsvertrag stehen. Denn ein Arbeitsvertrag enthält nicht nur das Groß- und Kleingedruckte, sondern auch jede Menge gar nicht Gedrucktes. Das gar nicht Gedruckte enthält all die Erwartungen, Hoffnungen und Wünsche, die schon im Vorstellungsgespräch über dem Verhandlungstisch schweben. Während Ihr zukünftiger Chef und Sie über Gehalt, Urlaubstage, ja nicht selten schon selbst über Bürogröße und Zahl der Fenster ausdrücklich und hart feilschen, hängen diese sonstigen gegenseitigen Erwartungen einfach lautlos im Raum. Und bleiben dort, damit sich beide jeden Tag wieder neu an ihnen den Kopf stoßen. Aber keiner spricht sie an, weil jeder sie für selbstverständlich hält.
Oder sagen wir besser: Jeder hält seine eigenen Erwartungen für selbstverständlich. Viel zu selten machen wir uns Gedanken darüber, was andere vielleicht unausgesprochen von uns erwarten – und was wir selbst erwarten dürfen und was nicht: Dass Sie sich von Ihrem Chef eben mehr erhoffen, als dass er nur jeden Monat pünktlich das im schriftlichen Arbeitsvertrag vereinbarte Gehalt überweist. Dass der Chef von Ihnen eben mehr erwartet, als dass Sie nur die im Arbeitsvertrag vereinbarte Zeit irgendwie auf Ihrem Bürostuhl absitzen.
Wir nennen das, was da so still im Raum schwebt, den psychologischen Arbeitsvertrag. Ihn schließen wir neben dem „normalen“ Arbeitsvertrag ab, ohne Worte, auf einem unsichtbaren Blatt Papier.
Dieser psychologische Arbeitsvertrag enthält viele gegensätzliche Interessen. Er erfordert ein sehr komplexes Geben und Nehmen, das leicht aus dem Gleichgewicht geraten kann. Wenn die unausgesprochenen Hoffnungen enttäuscht werden, wenn Sie als Mitarbeiter meinen, dass dieses Gleichgewicht des psychologischen Arbeitsvertrags nicht mehr stimmt – dann passen Sie die Situation an und reduzieren auch Ihren eigenen Beitrag weiter. Das ist menschlich. Und ebenso macht das Ihr Arbeitgeber. Damit setzen jedoch beide eine Spirale in Gang, die in Frust und Produktivitätsverlust endet.
Wir möchten deshalb in diesem Buch mit Ihnen eine kleine Reise unternehmen: von Ihrer Seite des Arbeitslebens auf die andere und wieder zurück. Sie werden erstaunt sein, was es zu entdecken gibt – und was das Entdeckte bei Ihnen auslösen kann. Wir möchten mit Ihnen „in den Schuhen des anderen gehen“. Wir bringen auf den Punkt, was Sie und Ihr Chef voneinander erwarten und erwarten dürfen. Unsere zehn Gebote gelten in jeweils unterschiedlichen Ausprägungen sowohl für Brötchen-Nehmer als auch für Brötchen-Geber und sind das Ergebnis einer Interessenabwägung.
Wir wünschen Ihnen viel Spaß und Erkenntnis bei der Reise.

Dr. Volker Kitz & Dr. Manuel Tusch
Köln, im Sommer 2009

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© 2009 Dr. Volker Kitz, Dr. Manuel Tusch
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